Längere Arbeitszeiten: Wie soll das gehen? Eltern haben schon jetzt enorme Schwierigkeiten, Job und Familie unter einen Hut zu bringen. Es fehlt an verlässlicher Kinderbetreuung.
Wirtschaftslobbyisten trommeln für eine Ausweitung der Erwerbsarbeitszeiten. Doch dafür müssen die Rahmenbedingungen stimmen, insbesondere für Erwerbstätige mit Kindern oder anderen Sorgeverpflichtungen. Da hapert es häufig, zeigen neue Daten des WSI: 54 Prozent der erwerbstätigen oder arbeitsuchenden Eltern, die eigentlich eine externe Kinderbetreuung in einer Kita, bei Tageseltern oder in einer schulischen Ganztagsbetreuung nutzen, waren im Herbst 2025 an einem oder mehreren Tagen mit Kürzungen der Betreuungszeiten oder kurzfristigen Schließungen der Einrichtung konfrontiert, beispielsweise wegen Personalmangels. Das ergibt sich aus der jüngsten Welle der WSI-Erwerbspersonenbefragung.
Frauen sind von der Ungleichverteilung der Arbeitszeiten sehr viel stärker betroffen als Männer. Deutschland hat mit 8 Stunden Differenz zwischen den Erwerbsarbeitszeiten von Männern und Frauen einen der grössten Gender Time Gaps in Europa und immer noch verrichten Frauen den Großteil der Haus- und Sorgearbeit. Wenn Kinder kommen, scheint es oft selbstverständlich, dass der Vater nur zwei "Papamonate" nimmt und dann weiter Karriere macht, währen die Mutter meist längere Zeit zuhause bleibt, die Arbeitszeit drastisch verkürzt oder gar überhaupt nicht mehr in den Beruf zurückkehrt. Dazu kommen Institutionen, die diese Ungleichheit noch verstärken, wie das Ehegattensplitting und in Westdeutschland die Tradition von Halbtagskinderbetreuung und -schule. Folgen dieser geschlechterungerechten Verteilung von Arbeitszeit sind für viele Frauen finanzielle Abhängigkeit von Mann oder Staat und später mit hoher Wahrscheinlichkeit Altersarmut.
Teilzeitbeschäftigung bei Männern und Frauen, Quelle: Datenreport 2021, Bundeszentrale für politische Bildung, s. 157.
Soziologin und Philosophin Frigga Haug hat die Ungleichheit der unbezahlten Arbeit zu einem der treibenden Gründe hinter ihrem 4 in 1 Modell erklärt. Demnach ist alle Arbeitslast vier gleichwertigen Kategorien zuzuordnen: (Re-)Produktion, also klassische kapitalistische Lohnarbeit;
dann die Sorgearbeit, die heute - oft unbezahlt - von Frauen ausgeübt wird;
der Bereich des Lernens/der Selbstentfaltung oder nach Marx die "Welt produktiver Anlagen. Heute würde man dies als Humankapital bezeichnen;
und schließlich die Gesellschaftsgestaltung/Politik.
Diese gesamtgesellschaftlichen Arbeiten sollten von jedem gleichermaßen übernommen werden. Das besondere an Frigga Haugs Ansatz ist die Einfachheit und soziale Selbstverantwortung, die vielen sonst sehr komplizierten kritischen Theorien gegenübersteht.
Ein Mittel gegen die Ungerechtigkeit zwischen der Arbeitsverteilung von Frau und Mann wäre eine allgemeine Wochenarbeitszeit um die 30 Stunden ('kurze Vollzeit'). 30 Stunden entsprechen zum einen der Zeit, die sich Eltern von schulpflichtigen Kindern wünschen würden, zum anderen würde die freigewordene Arbeitskapazität gleichermaßen auf alle Geschlechter verteilt werden können.
Aus der eigenen Beobachtung heraus, dass auf Seiten von Personalverantwortlichen in Unternehmen weiterhin Unwissenheit bezüglich relevanter Vereinbarkeitsfaktoren beschäftigter Eltern besteht, hat die Väter gGmbH (mit angegliedertem Väter- und Mütternetzwerk "conpadres" bzw. "conmadres")eine zweite FORSA-Studie in Auftrag gegeben. Ziel ist es Perspektiven und Bedarfe erwerbstätiger Mütter und Väter sichtbar zu machen und daraus konkrete Handlungsempfehlungen für Unternehmen, Politik und Gesellschaft abzuleiten.
Befragt wurden Ende Juli bis Anfang August 2025 insgesamt 1011 nach Zufallsverfahren ausgewählte erwerbstätige Väter und Mütter, die in einem Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeiter:innen beschäftigt sind und mindestens ein Kind unter 18 Jahren haben.
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass für fast 50% der Beschäftigten eine familienbewusste Führungskultur entscheidend ist, um die Vereinbarkeit voranzubringen, wohingegen nur 28% der Unternehmen Maßnahmen zur Führungskultur verfolgen. Des weiteren ist für eine große Mehrheit der Männer und Frauen das Verhalten der Vorgesetzten ausschlaggebend für die Nutzung familienfreundlicher Angebote und für die Leistungsfähigkeit! 61% der Frauen und 50% der Männer geben an, nicht genügend von der Unternehmensleitung unterstützt zu werden.
Die gesamte Studie könnt ihr hier anfragen.
Obwohl in Deutschland noch nie so viele Frauen wie heute erwerbstätig waren, bestehen weiterhin deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Beschäftigung, da die meisten Männer Vollzeit arbeiten und jede zweite Frau teilzeitbeschäftigt ist, in der Regel langfristig.
Was sind Ursachen für diese anhaltende Aufteilung? Auf welchen Aushandlungsprozessen innerhalb von Partnerschaften basieren sie?
Die Ergebnisse der Studie basieren auf einer Online-Befragung im Zeitraum von Juli 2023 bis Juni 2024 im Auftrag der Bertelsmann- Stiftung und richtete sich an Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren in Paarbeziehungen unabhängig von Geschlecht, Familienstatus und Erwerbseinkommen.
Während fast zwei Drittel der teilzeitbeschäftigten Frauen, angeben, aufgrund familiärer Verpflichtungen weniger zu arbeiten (65,1%) und darüber hinaus die Motivation, mehr Zeit für sich selbst zu haben von Bedeutung ist (30,4 %) sind die Gründe bei teilzeitbeschäftigten Männern vielfältiger. Familiäre Verpflichtungen sind nur für 38,4 % der Männer ausschlaggebend. Eine Reduktion aufgrund von Arbeitsüberlastung ist unter Männern weitaus stärker repräsentiert (34,2%) als bei Frauen (16,7%). Die „Teilzeitfalle“ ist für Männer von geringerer Bedeutung.
Mit Blick auf die Zuständigkeit für im Haushalt anfallende Tätigkeiten wird ebenfalls eine geschlechtsspezifische Aufteilung deutlich, in der sich aus Sicht beider Geschlechter Frauen stärker in alleiniger Verantwortung befinden. Gleichzeitig gehen Männer häufiger davon aus, dass Aufgaben gemeinsam erledigt werden. Auch bei der Kinderbetreuung und Pflege unterscheiden sich die Perspektiven der Geschlechter deutlich.
Die Einschätzungen in Bezug auf Entscheidungsgründe für die Arbeitsteilung in Paaren sind vielfältig und sind unter Männern und Frauen weitestgehend deckungsgleich, wobei sich mitunter stereotype Kompetenzzuschreibungen und traditionelle Rollenbilder bei beiden Geschlechtern erkennen lassen. Hervor sticht, dass ein höheres Einkommen der Partnerin für Männer weitaus weniger von Belang ist als im umgekehrten Falle.
Darüber hinaus geht die Studie auf Zufriedenheit und Konfliktpotenziale innerhalb von Paarbeziehungen durch verschiedenen Arbeitsteilungsrealitäten ein.
Für die subjektive Zufriedenheit der Befragten spielt die Aufgabenteilung in der Beziehung eine große Rolle- wenngleich bei Frauen in stärkerer Ausprägung, denn diese sind signifikant zufriedener mit gemeinsam wahrgenommener Hausarbeit als in anderen Zuständigkeitsclustern.
Angesichts zunehmend offen liegender Vereinbarkeitskonflikte und dem weit verbreiteten Wunsch nach mehr Arbeitszeitsouveränität unter Beschäftigten haben einige Gewerkschaften die "tarifliche Wahloption" eingeführt, die es Beschäftigten erlaubt jährlich zwischen mehr frei verfügbarer Zeit (gemeint sind hier mehr Urlaubstage oder eine verkürzte Wochenarbeitszeit) und mehr Geld zu entscheiden.
Mellies et al. gehen in diesem Artikel der Frage nach, inwiefern sich in der Wahl von Zeit und den entsprechenden Motiven im Rahmen dieser jährlichen Wahloption geschlechts- und elternschaftsspezifische Unterschiede finden.
Die Fragestellung schließt an den Forschungsstand zu Geschlechterungleichheiten im Arbeits- und familiären Kontext an. Mit Blick auf gesellschaftliche Normen wie das "male bread winner Modell" und eine möglichst weitreichend gegebene Verfügbarkeit von individueller Arbeitskraft, die sich herkömmlicherweise in besonderer Weise an Männer richtet nehmen die Autor:innen an, dass eine Wahl zugunsten von mehr Zeit für Männer einen "doppelten Rollenverstoß" darstellen würde, während sich Frauen von ihr eher mehr Erholungszeit und eine bessere Vereinbarkeit von beruflichen und privaten Anforderungen versprechen könnten.
Die herangezogenen Angaben der Beschäftigten ergeben, dass sowohl Männer als auch Frauen mehrheitlich mehr Zeit wählen. Unter den Männern sind es 62% und unter den Frauen 72,2 %.
Ein geschlechtsspezifischer Unterschied wird weiterhin darin deutlich, dass die Differenz zwischen Frauen mit und ohne Kindern unter 14 Jahren im Haushalt bei der Entscheidung stärker ausfällt als zwischen Vätern und kinderlosen Männern.
Die Motive der Befragten werden hingegen stärker vom Familienstatus als vom Geschlecht bestimmt.
So sind mehr Zeit für Hobbies, Freunde und sich selbst im Falle einer Elternschaft stärker als Motiv vertreten, während mehr Zeit für die Familie für kinderlose Frauen und Männer von größerer Bedeutung ist.
In dieser Dissens-Podcast Folge aus der Serie "Was ist der Plan" spricht die Autorin und Übersetzerin Heide Lutosch über ihr Buch "Kinderhaben" und stellt eine aufschlussreiche Zeit-Kalkulation zur Care-Arbeit auf:
Ein Kind im ersten Lebensjahr benötigt 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche eine nahe Bezugsperson in unmittelbarer Nähe. 12 Stunden am Tag ist das Kind auf direkten Körperkontakt angewiesen. 4 Stunden am Tag schläft das Kind so fest, das ungestörte Hausarbeit möglich ist. An weiteren 8 Stunden am Tag wird zumindest die ständige Bereitschaft der sorgenden Person eingefordert.
Dies summiert Lutosch auf 20 Arbeitsstunden, die täglich für die Sorgearbeit anfallen.
Lutosch konstatiert, dass eine Mehrelternschaft viel eher den Bedürfnissen aller Beteiligten, also der Eltern und der Kinder gerecht werden kann, also die klassische biologische Elternschaft.
Die Autorin überträgt die 20 Stunden Care-Arbeit pro Tag auf eine Vierelternschaft- das Ergebnis wäre für alle Erwachsenen eine 7-tägige 35-Stunden Woche! Es blieben also nicht mehr als 5 Stunden pro Woche und pro Erwachsenen, die mit anderen Arbeiten zugebracht werden kann.
Zwar sinkt die erforderliche Care-Arbeit, je älter das Kind wird, doch bis zum 12. Lebensjahr, erfahrungsgemäß nicht unter 8 Stunden am Tag. Ein 11jähriges Kind würden den vier Elternteilen, gemessen an der Vollzeitnorm von 40 Stunden, 26 Stunden pro Woche für weitere Arbeiten "erlassen".
Um also eine gerechte Verteilung von Care-Arbeit, die mit höchstmöglicher Entlastung von Eltern und Kindern einhergeht zu ermöglichen, bedarf es offensichtlich eine kollektive Arbeitszeitverkürzung, die auch über längere Phasen hinweg reduzierter Verfügbarkeiten der Arbeitnehmer:innen erlaubt. Auch Heide Lutosch spricht sich unter anderem für die 4-Tage Woche, sowie weitere Maßnahmen aus, die Familien entlasten, indem Abhängigkeiten von Lohnarbeit verringert werden.
Weitere Argumente für die Mehrelternschaft und eine Care-Revolution könnt ihr hier nachhören.